Aufmacher-Interview-Erika-Spengler

Die besten Blogs – Interview mit Ulligunde alias Erika Spengler

Bergsteigerin und Fotografin Erika Spengler steckt hinter dem Alpin-Blog Ulligunde.com

In meiner Serie „Die besten Blogs“ stelle ich euch regelmäßig lesenswerte Blogs aus den Bereichen Fotografie, Reisen und Wandern vor. Dieses Mal: Erika Spengler, begeisterte Alpinistin und Fotografin

Erika Spengler alias Ulligunde liebt die Berge. Während viele auf den ausgewiesenen Pfaden bleiben, treibt es Erika auf die Spitze. Scheinbar unüberwindbare Steilwände sind für sie kein Hindernis und schon gar kein Grund, kehrt zu machen. Auf ihrem Blog www.ulligunde.com schreibt Erika über ihre atemberaubenden Berg- und Klettertouren. Ihr Zuhause sind aber nicht nur die Alpen, sondern auch Gebirge in fernen Ländern.

Mit Mädels in steilen Wänden unterwegs zu sein ist immer etwas Besonderes für Erika Spengler (Furkapass, Perrenoud)

Mit Mädels in steilen Wänden unterwegs zu sein ist immer etwas Besonderes für Erika Spengler (Furkapass, Perrenoud)

Erika, du hast die Frage sicher schon tausend Mal gehört und beantwortet: Wie kommst du auf den Namen Ulligunde?
Puuuuuuh, die fiese Frage gleich zu Anfang. Es ist einfach ein Spitzname, den ich seit Zeiten von StudiVZ habe. Ich dachte damals, Ulligunde sei ein altdeutscher Name und damit irgendwie lustig als “Nickname” – ähnlich wie Brunhilde oder Kunnigunde. Es hat jetzt über zehn Jahre gedauert, bis ich rausfand, dass es diesen Namen einfach nie gab. Aber naja, meine Mutter sagt immer, sie lese meine Artikel so gerne, weil ich immer wieder Wortneuschöpfungen kreiere (tu ich das!?) – Ulligunde ist dann wohl eine davon. Völlig unspektakulär, sorry 🙂
Auf deinem Blog gibt es zahlreiche spannende Bergtouren – wie kamst du auf die Idee mit dem Blog?
Ich machte mich 2010 alleine auf den Weg, einige Monate durch Australien, Tasmanien, Fidschi und Neuseeland zu reisen. Damit die Daheimgebliebenen auf dem Laufenden bleiben, schlug mir mein Bruder damals vor, einen Blog zu starten. Nur für Freunde und die Familie. Ich wusste gar nicht richtig, was das ist. Trotzdem fing ich an, ganz lose über meine kleinen Trekkingabenteuer dort zu schreiben und behielt das auch nach der Reise bei. 2012 kamen dann bergfreunde.de auf mich zu und fragten, ob ich Produkttester für Sie sein will. Erst da habe ich gemerkt, dass meinem kleinen, privaten Blog gar nicht mehr nur meine Freunde und Familie folgten, sondern monatlich mehrere tausend Leute. Ich setzte mich ein wenig mit der Bloggerei auseinander, vernetzte mich mit anderen Outdoor-Bloggern und kann inzwischen schon mit Stolz sagen, dass ulligunde.com zu den größten seiner Art gehört. So vertikal und weiblich geht es in keinem anderen Blog zu 🙂
Unterwegs in der westlichen Zinne (Cassin/Ratti, in der letzten Seillänge vom Quergang)

Erika Spengler unterwegs in der westlichen Zinne (Cassin/Ratti, in der letzten Seillänge vom Quergang)

Du machst ja schon ziemlich extreme Sachen – viel mehr als Bergwandern. Was war dein größtes Erlebnis auf deinen vielen Touren?
Oha, “extrem”. So nimmt man das selbst nie wahr, man tastet sich langsam ran und wird halt immer besser. Das kommt aber auch nicht ganz von ungefähr, wir trainieren ca. fünfmal die Woche. Es ist nicht so, dass ich irgendwo eine Tour sehe und blind einsteige. Ich recherchiere lange und bin auch während der Tour jederzeit bereit, Plan B zu wählen. Aber das ist eben der Unterschied. Die einen bleiben sicherheitshalber innerhalb ihrer Komfortzone, weil man ja nie weiß, was kommt. Oder man steigt halt mal ein und schaut, wie weit man kommt. Wenn man in der Tour dann wachsam ist und sich immer wieder fragt, ob man der Situation noch gewachsen ist oder wie der Exitplan aussieht, ist es für mich ein verantwortungsvolles Eingehen des Risikos. Die Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der Frage, ob man der Sache jetzt gerade wirklich nicht mehr gewachsen ist oder ob man nur aus Faulheit oder unbegründeter “Grund” Angst umkehren will, die finde ich spannend. Ich bin von Haus aus faul und ängstlich, sich dieser Angst jedes Mal zu stellen und dadurch womöglich Dinge zu schaffen, von denen man meinte, sie nie zu schaffen, das ist ein herausragendes, extrem intensives Gefühl.
 
Aber zur Frage: Nachdem wir die Cassin/Ratti an der Westlichen Zinne durchklettert haben, standen wir völlig unvermittelt auf dem Gipfel und konnten auf die Große Zinne “hinabblicken”. Das war schon sehr, sehr einmalig. Man kennt diese Berge ja eigentlich nur von unten und nun schaute ich von oben auf eine der Wände, in der Klettergeschichte geschrieben wurde. Ich meine, diese Tour ist an sich schon eine coole Aktion, aber dieser Moment da oben am Gipfel war einfach rundum perfekt. 
Ein mindestens ebenso großes Erlebnis war es aber, dieses Jahr das erste Mal völlig eigenständig in durchaus (für mich) anspruchsvolle Touren einzusteigen. Uns gelang der Nord-Ost-Grat des Zervrailahorns und auch ein paar tolle Touren am Furkapass – immer als Mädelsseilschaft und immer in Wechselführung. Natürlich, wir sprechen hier nur vom oberen sechsten Grad, das ist für viele gähnend langweilig. Aber einerseits war es zum Selbst-Absichern und mal ganz davon abgesehen: Ich hatte bis vor einem Jahr noch furchtbare Vorstiegsangst, wäre niemals (!!) in irgendetwas Schweres im Vorstieg einfach rein, ich gruselte mich ja schon beim Sportklettern zu Tode. Dann eigenverantwortlich, erfolgreich und ohne Back-Up in eine Wand einzusteigen, in der womöglich gar der Rückzug knifflig ist, das  macht mich schon stolz.
In der westlichen Zinne, kurz vor der Schlüsselseillänge

In der westlichen Zinne, kurz vor der Schlüsselseillänge

Ein phänomenaler Moment. Völlig unvermittelt taucht alles auf einmal auf. Die Große Zinne von oben, unser Gipfelkreuz, der Mann, der später mein Freund wurde...

Ein phänomenaler Moment. Völlig unvermittelt taucht alles auf einmal auf. Die Große Zinne von oben, unser Gipfelkreuz, der Mann, der später mein Freund wurde…

Gab es schon einmal eine Situation, wo du dachtest, das habe ich jetzt aber nur mit viel Glück überstanden?
Ja, vor ein paar Tagen erst. Ich war das erste Mal beim Eisklettern – eine Sportart, bei der man partout nicht ins Seil stürzen sollte. Ich war im Vorstieg und wollte gerade eine weitere Eisschraube setzen, als mir gleichzeitig beide Füße abgerutscht sind. Mehr als ein kurzer Schreck ist nicht passiert, ich habe das auch gar nicht so sehr wahrgenommen – erst später, als mein Freund mich darauf ansprach, habe ich mich erinnert. Ich habe mich wohl ganz gut für einen Moment an einem Arm halten können. Aber klar, da waren einige Schutzengel dabei, das hätte bescheiden enden können.
Gruselige Momente inklusive: Das erste Mal Eisklettern

Erika Spengler im Eis: gruselige Momente inklusive

Hast du ein bestimmtes Ziel, auf das du hinarbeitest? Etwa der Mount Everest?
Klassisches Höhenbergsteigen reizt mich nicht. Bei der Auswahl meiner Touren freue ich mich zwar, wenn man oben auf einem Gipfel ankommt, aber wenn möglich über eine etwas anspruchsvollere Route. Gipfel- und Tourenziele habe ich natürlich einige, aber letztendlich ist mein Ziel, einfach stärker zu klettern, um eine größere Auswahl an Touren zu haben, in “leichterem” Gelände schneller und sicherer voranzukommen und auch ein wenig abseits vom großen Strom unterwegs sein zu können. Ich finde es immer wieder enorm faszinierend, wenn Mädelsseilschaften in schweren Routen unterwegs sind oder Frauen im kombinierten Gelände vorsteigen. Das ist cool und inspiriert mich.
Was rätst du Menschen, die erst mit dem Bergwandern anfangen?
Fangt langsam an und steigert Euch kontinuierlich. Macht nicht blind irgendwelche Touren, bloß weil die “schon ganz andere geschafft haben”. Seid bereit umzukehren und schert Euch nicht darum, was vielleicht andere am Berg oder daheim sagen. Wenn Ihr besser werden wollt, stellt Euch auch hin und wieder mal einer etwas anspruchsvolleren Tour, wenn Ihr wirklich Lust auf sie habt. Wenn man jederzeit wachsam beobachtet, ob man der Situation noch gewachsen ist, dann kann man sich auch mal ganz vorsichtig an seine Grenzen wagen – vorausgesetzt, man ist in der Lage jederzeit umzudrehen. Ein erfahrener Bergpartner ist dabei natürlich Gold wert. Alternativ eventuell sogar ein Bergführer oder einfach ein vorangegangener Kurs.
Du hast mir schon verraten, dass du dich bald selbständig machen wirst. Was genau planst du?
Ich mache mich mit meinen Leidenschaften als Fotografin und Journalistin für Klettern und Bergsport im Allgemeinen selbstständig. Wobei mich schon auch klassische Portraitfotografie reizt. Das wahre Ich eines Menschen zu zeigen – vielleicht mit Eisgeräten in der Hand oder eben in Action beim Skifahren oder Klettern – das macht mir einfach Spaß. Ich arbeite nun seit drei Jahren mehr oder weniger darauf hin, jetzt ist es Zeit, einfach mal ins kalte Wasser zu springen. Ich gebe mir ein Jahr, um Hersteller, Alpinschulen und Zeitschriften von mir zu überzeugen. Wenn es dann nicht klappt, habe ich es wenigstens probiert.
Was hat dich denn an deinem alten Job gestört?
Gar nichts, der war cool. Ich habe bei outdooractive.com gearbeitet und war für die Betreuung der ganzen Community zuständig. Social Media, Newsletter, Blogs, Userfeedback beantworten – das war ein cooler Job, der viele Freiheiten geboten hat und zusätzlich noch ein wirklich legendäres Team hatte. Aber ich habe jetzt schon so lang diesen stillen Traum vom Fotografien und Schreiben, dass ich es einfach mal ausprobieren möchte. Wenn nicht jetzt, wann dann?
3 replies
  1. Gerdi Spengler
    Gerdi Spengler says:

    Sehr eindrucksvolle Antworten. Du bist nicht nur auf Abenteuer aus, sondern planst mit Sorgfalt und Respekt, mit Mut zum Umkehren, mit Wachsamkeit vor Gefahren und Sicherheitscheck,*) mit guter Vorbereitung, auch körperlichem Training … und hoffentlich mit Gottvertrauen(!) . Dann ist die Selbständigkeit eine gute Lebensänderung und keine Selbstüberschätzung. Schön am Boden bleiben, auch in der Vertikalen… Alles Gute bei deinen Unternehmungen.
    *) das hast du vom Vater(Skitouren, Wandern), das gute, spannende Schreiben von mir :-)?

    Reply
  2. Sabrina
    Sabrina says:

    Die liebe Erika,

    bin froh sie zu kennen und eine neue Freundin gefunden zu haben! Immer sehr lustig mit ihr!

    Schönes Interview! LG Sabrina

    Reply

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