Die Beugungsunschärfe auf einen Blick
Die Ursache: Schließt du die Blende sehr weit, wird das Licht an den Lamellenkanten abgelenkt. Aus punktförmigen Lichtstrahlen werden diffuse Beugungsscheibchen (auch Beugungsringe), die auf mehrere Sensorpixel treffen.
Der optische Effekt: Das Foto wird bei einer sehr weit geschlossenen Blende sichtbar unschärfer.
Theorie vs. Praxis: In der 100-Prozent-Ansicht am Bildschirm ist Beugung früher sichtbar als auf Drucken oder Postern. Auf Papier bleibt selbst f/16 am Vollformat in der Regel gestochen scharf.
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Der physikalische Hintergrund: Warum Licht gebeugt wird
Um zu verstehen, warum extreme Blendenwerte dein Bild weichzeichnen, hilft ein Blick auf die Wellennatur des Lichts:
Wenn die Blende weit geöffnet ist (f/2.8), passiert der Großteil der Lichtwellen das Objektiv ungehindert in der Mitte. Nur ein verschwindend geringer Teil berührt die Kanten der Blendenlamellen. Das Licht trifft als präziser, scharfer Punkt auf den Bildsensor.
Wählst du dagegen einen sehr hohen Blendenwert (f/22), zwingst du das Licht durch eine winzige Öffnung im Millimeterbereich. An den Lamellenkanten werden die Lichtwellen abgelenkt (gebeugt). Statt punktförmig aufzutreffen, breitet sich das Licht als kreisförmiges, diffuses Scheibchen auf dem Sensor aus.
Solange dieses Beugungsscheibchen kleiner ist als ein einzelnes Pixel deines Kamerasensors, bleibt der Effekt unsichtbar. Sobald das Scheibchen jedoch größer wird als die Pixelstruktur und benachbarte Pixel überstrahlt, sinkt die Bildschärfe kontinuierlich ab.
Sensorgröße und Megapixel: Wann tritt Beugung auf?
Ab welchem konkreten Blendenwert die Beugung einsetzt, hängt von der Sensorgröße und der Pixeldichte deiner Kamera ab:
- Große Sensoren haben einen Vorteil: Eine 24-Megapixel-Vollformatkamera hat deutlich größere Einzelpixel als eine 24-Megapixel-APS-C-Kamera, da sich dieselbe Pixelanzahl auf einer mehr als doppelt so großen Fläche verteilt. Entsprechend setzt die Beugung am Vollformat später ein.
- Der Megapixel-Faktor: Packt man auf einen Vollformatsensor 60 Megapixel, schrumpfen die einzelnen Pixel wieder auf die Größe eines APS-C-Sensors zusammen. Hier wird die Beugung in der 100-Prozent-Vergrößerung messtechnisch schon ab Blende f/8 messbar – auch wenn du in der normalen Bildansicht davon noch lange nichts bemerkst.
Die Beugungsunschärfe-Tabelle für verschiedene Kamerasysteme
| Kameramodell | Sensorformat | Auflösung | Beugung sichtbar am Monitor (100 %) | Beugung sichtbar im Druck / Poster |
|---|---|---|---|---|
| OM-1 Mark II | MFT | 20 MP | f/6.3 | f/11 |
| Sony Alpha 6700 | APS-C | 26 MP | f/8 | f/16 |
| Canon EOS R7 | APS-C | 33 MP | f/6.3 | f/16 |
| Sony Alpha 7S III | Vollformat | 12 MP | f/16 | f/22 |
| Nikon Z6 III | Vollformat | 24 MP | f/11 | f/22 |
| Sony Alpha 7R VI | Vollformat | 66 MP | f/7.1 | f/22 |
| Pentax 645D | Mittelformat | 40 MP | f/10 | f/32 |
Praxis-Richtwerte: Der ideale Blendenbereich für dein System
Vergiss rein theoretische Laborwerte! In der fotografischen Praxis gelten für knackscharfe Aufnahmen folgende Faustregeln:
1. Vollformat-Kameras
- f/8 bis f/13: Der absolute Sweet Spot für maximale Schärfe und Kontrast.
- f/16: Problemlos nutzbar, wenn du im Nahbereich etwas mehr Schärfentiefe benötigst.
- f/22 und kleiner: Nur in absoluten Ausnahmefällen nutzen.
2. APS-C-Kameras
- f/5.6 bis f/8: Perfekte Randschärfe und maximaler Kontrast.
- f/11 bis f/13: Sicher nutzbar für Landschafts- und Architekturmotive.
- f/16 und kleiner: Meiden, da feine Details sichtbar weichgezeichnet werden.
3. Micro-Four-Thirds-Kameras (MFT)
- f/4.0 bis f/5.6: Idealer Bereich für maximale Schärfeleistung.
- f/8: Die Obergrenze für hochwertige Landschaftsaufnahmen.
- f/11 und kleiner: Sichtbarer Schärfeverlust.
Wann du trotzdem bewusst weit abblenden solltest

Beugungsunschärfe ist ein messbarer Effekt, aber kein Grund, extreme Blendenwerte panisch zu vermeiden. Es gibt Aufnahmesituationen, in denen das Schließen der Blende das kleinere Übel ist:
- 1. Sonnensterne erzeugen: Wenn du die Sonne hinter einer Bergkante oder einer Baumkrone hervorblitzen lässt, formen die Blendenlamellen erst ab Werten wie f/14 bis f/18 (am Vollformat) wunderschöne, strahlenförmige Sonnensterne. Der kreative Effekt wiegt die minimale Beugung locker auf.
- 2. Extreme Schärfentiefe im Nahbereich: Steht in der Makro- oder Weitwinkelfotografie eine Blume nur wenige Zentimeter vor der Linse, ist ein leicht beugungsweiches Gesamtbild bei f/16 immer noch besser als ein komplett verschwommener Vordergrund bei f/8.
- 3. Zu viel Licht bei Langzeitbelichtungen: Hast du am Tag keinen starken Graufilter zur Hand und möchtest tagsüber trotzdem etwa Wasser glattziehen, hilft das Abblenden auf f/16 oder f/22, um die Verschlusszeit zu verlängern.
Lässt sich Beugungsunschärfe in der Bildbearbeitung retten?
RAW-Konverter wie Adobe Lightroom, Capture One oder DxO PureRAW besitzen integrierte Objektivkorrektur-Profile. Diese gleichen die optischen Eigenheiten deines Objektivs aus und heben den Mikrokontrast bei weit geschlossenen Blenden automatisch leicht an.
Wichtig: Ein RAW-Konverter kann fehlenden Kontrast nachschärfen, aber keine Details zurückrechnen, die durch die Beugung physisch nie auf dem Sensor angekommen sind. Der sauberste Weg bleibt immer, die Blende von vornherein im Sweet Spot deines Objektivs zu halten.
4 weit verbreitete Mythen über Beugung
- Mythos 1: „Ab Blende 8 sind Fotos unbrauchbar.“
- Die Realität: Völliger Unsinn. Blende f/8 bis f/11 ist bei den meisten Weitwinkel- und Standardobjektiven die schärfste Einstellung überhaupt.
- Mythos 2: „Vollformat hat keine Beugungsunschärfe.“
- Die Realität: Die Beugung setzt am Vollformat lediglich später ein als bei kleineren Sensoren, betrifft aber jedes Kamerasystem.
- Mythos 3: „Blende f/22 ruiniert jedes Foto.“
- Die Realität: In der 100-Prozent-Vergrößerung am 4K-Monitor ist der Schärfeverlust sichtbar. Auf einem normalen Fotodruck im Album oder auf Social Media fällt er kaum einem Betrachter auf.
- Mythos 4: „Kamerainterne Software löst das Problem komplett.“
- Die Realität: Moderne Kameras rechnen Beugungseffekte bei internen JPGs nach, das physikalische Grundproblem lässt sich aber nicht komplett wegzaubern.
Mein Praxis-Fazit
Mach dir wegen der Beugungsunschärfe nicht zu große Sorgen. Wenn du für deine Landschafts- und Reisefotos am Vollformat im Bereich von f/8 bis f/13 (am APS-C-Sensor zwischen f/5.6 und f/8) bleibst, erzielst du in der Regel immer die maximale Bildschärfe, die dein Objektiv liefern kann. Schließe die Blende nur dann auf f/16 oder mehr, wenn du gezielt Sonnensterne einfangen möchtest oder der Nahabstand extreme Schärfentiefe erzwingt.
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