Grauverlaufsfilter in der Landschaftsfotografie – sinnvoll oder nicht + Kaufberatung

Grauverlaufsfilter in der Landschaftsfotografie – ja oder nein?

Was spricht für Grauverlaufsfilter, Graufilter und Polfilter, was dagegen?

Sind Grauverlaufsfilter in der Landschaftsfotografie unersetzlich? Oder sind HDRIs ( High Dynamic Range Image; “Bild mit hohem Dynamikumfang”) inzwischen so ausgereift, dass man sich den Kauf teurer Grauverlaufsfilter sparen kann? Kaum eine Frage spaltet die Fotografengemeinde so sehr. Die einen schwören nach wie vor auf die Kamera-Filter, die vor das Objektiv geschraubt werden. Die anderen sagen: Grauverlaufsfilter sind völliger Unsinn. Im digitalen Zeitalter haben allenfalls Kamera-Filter wie der Graufilter in Ausnahmefällen eine Daseinsberechtigung. Ich will dieser Frage einmal auf den Grund gehen und freue mich über eine rege Diskussion zu diesem spannenden und kontrovers diskutierten Thema.

Barmsee am Abend

Der Barmsee ist nur Insidern ein Begriff und ein absoluter Geheimtipp für Fotografen. Im Einsatz: ein Grauverlaufsfilter und ein Graufilter

Der Grauverlaufsfilter zu analogen Zeiten

Keine Frage: Zu Zeiten der analogen Kameras waren Grauverlaufsfilter (GND-Filter; aus dem Englischen graduated neutral density filter) unersetzlich. Digitale Bildbearbeitung war vor der Jahrtausendwende ein Fremdwort. Adobe Photoshop Lightroom kam erst im Jahr 2007 auf den Markt – lange nach der Einführung der ersten professionellen digitalen Kleinbild-Spiegelreflexkamera RD-175 von Minolta im Jahr 1995. Die Kamera brachte ganze 1,75 Megapixel und kostete damals stolze 10.000 Dollar. Im Jahr 2000 stellte Marktführer Canon die erste digitale EOS vor. Heute sind analoge Kameras so gut wie ausgestorben. Geblieben sind Grauverlaufsfilter, Polfilter und Graufilter. Musste ein Foto zu analogen Zeiten immer perfekt belichtet werden, lassen moderne digitale Spiegelreflexkameras (DSLR) oder spiegellose Systemkameras (DSLM) viel mehr Fehler zu und bieten deutlich mehr Möglichkeiten. Der Grauverlaufsfilter etwa dient seit jeher dazu, sehr kontrastreiche Motive wie eine Landschaft im Gegenlicht zu entschärfen und für die Kamera abbildbar zu machen. Der obere getönte Teil des Grauverlaufsfilters dunkelt den hellen Himmel ab. Der dunklere Vordergrund des Fotos kann so optimal belichtet werden kann. Dieser Effekt lässt sich heute mit Bildbearbeitungsprogrammen wie Lightroom simulieren. Lightroom bietet etwa einen digitalen Grauverlaufsfilter, mit dem ein überbelichteter Himmel dunkler gemacht und ein unterbelichteter Vordergrund aufgehellt werden kann. War der Kontrast bei der Aufnahme aber zu groß, kommt selbst die digitale Bildbearbeitung an ihre Grenzen. Lichter lassen sich entweder nicht mehr zurückholen – man spricht von ausgefressenen Bildteilen – oder Tiefen sind so dunkel, dass extremes Rauschen beim Aufhellen die Folge ist.

Das High Dynamic Range Image (HDRI)

Findige Software-Tüflter kamen auf die Idee, dieses Manko bei der Bildbearbeitung durch eine Belichtungsreihe zu umgehen. Der Fotograf fertigt einfach mehrere Fotos mit unterschiedlichen Belichtungszeiten an. Ein Foto wird etwa so belichtet, dass der Himmel perfekt abgelichtet wird. Das zweite Foto wird so belichtet, dass der Vordergrund optimal eingefangen wird. Natürlich lässt sich dieses Spiel fortsetzen, indem man drei, vier oder fünf Aufnahmen anfertigt. Per Software werden die Fotos zu einem Gesamtwerk verrechnet. Einem guten HDR-Bild sieht man nicht an, dass es aus mehreren am Computer generierten Einzelaufnahmen besteht. Das schlechte Image, das HDR-Fotos mitunter genießen, liegt an den knalligen Werken vor allem von Anfängern, die die Regler der Software gerne viel zu weit drehen.

Der Grauverlaufsfilter in der modernen Zeit

Ist mit dem HDR-Foto das Ende des Grauverlaufsfilters gekommen? Es gibt viele Fotografen, die das bejahen. In Lightroom lassen sich zwei oder mehrere Aufnahmen einer Belichtungsreihe bequem per Knopfdruck zu einem augenscheinlich perfekten Foto verrechnen. Im Prinzip kann also jeder Anfänger mit der Kamera losziehen, eine Mehrfachbelichtung anfertigen und zuhause am Computer mit einem Knopfdruck zum perfekten Foto zusammenrechnen. Klar, es kommt bei einem guten Foto natürlich auch auf den Bildaufbau und das Motiv an – aber zumindest die Technik  ist so weit vorangeschritten, dass theoretisch jeder Foto-Anfänger ein perfektes Bild zustande bringt. Jetzt kommt jetzt das große aber: Bei dieser modernen Vorgehensweise geht das Herz der Fotografie verloren. Ich sehe mich immer noch als Fotografen und nicht als Computerkünstler. Bei einem HDRI werden mehrere, für sich genommen vermurkste Fotos zu einem perfekten Foto verrechnet. Im nächsten Schritt braucht man keinen Fuß mehr vor die Tür setzen, weil Google ein 3D-Modell einer Landschaft liefert, die man am PC nachbauen und nach belieben gestaltet kann.

Grauverlaufsfilter – ja oder nein?

Keine Frage: Die moderne Bildbearbeitung bietet schier unendlich viele Möglichkeiten, das perfekte Bild zu produzieren. Manch einer mag über Fotografen lachen, die teure und schwere Grauverlaufsfilter in ihren Kamerarucksäcken durch die Gegend schleppen. Hinzu kommt, dass beim Einsatz eines Grauverlaufsfilters nicht alle Bildteile optimal belichtet werden. Ragt ein Berg oder ein Baum weit in den Himmel, wird dieser bei der Aufnahme natürlich auch abgedunkelt. Das lässt sich im Nachhinein per Software oft nur teilweise korrigieren und bleibt ein Manko.

Trotzdem: Ist es nicht schöner, ein zumindest nahezu perfektes Foto mit einer einzigen Belichtung im Kasten zu haben, anstatt später mehrere schlechte Bilder zu einem “digitalen Kunstwerk” zu verrechnen? Lebt die Fotografie nicht auch davon, Kompromisse einzugehen? Nicht umsonst erfreuen sich analoge Kameras wieder wachsender Beliebtheit. Auch ich ziehe hin und wieder mit einer alten analogen Kamera durch die Gegend auf der Suche nach wundervollen Erfahrungen und Landschaften. Dass dabei nicht das perfekte Foto entsteht, ist unwichtig. Es geht um die Erfahrung und das Erlebte. Muss denn jedes Foto 100 Prozent perfekt sein, wie in einer künstlich erschaffenen Welt? Unsere Welt da draußen ist ja auch nicht perfekt. Bildrauschen, ausgefressene oder abgesoffene Bereiche – das macht die analoge Fotografie aus. Es gibt wieder genügend Fotografen, die den Wunsch haben, ein Stück weit zurück zum Ursprung zurückzukehren. Die unendliche Bilderflut bei Instagram oder Facebook, die Jagd nach immer spektakuläreren Bildeffekten und nach dem schnellen Like, wertet die Fotografie ab. Wirklich Kunstwerke werden nicht mehr wahrgenommen. Knallige Kunstkollagen aus dem Rechner scharen Tausende Bewunderer um sich, aber nur für einen Klick, für einen Bruchteil einer Sekunde. Dann zieht die bildermüde Meute weiter zum nächsten digitalen Kunstwerk. Das ist vielleicht ein wenig überspitzt, trifft es aber doch im Kern.

Hektisch – das eben soll Landschaftsfotografie nicht sein. Die Arbeit mit dem Grauverlaufsilter entschleunigt und schärft den Blick fürs Wesentliche. Auf dem Kameradisplay sehe ich unmittelbar das Resultat meiner Arbeit.  Gut, auch dieses Bild muss in einem gewissen Rahmen nachbearbeitet werden. Kontraste, Bildschärfte, Tiefen und Lichter – all das gehört zur digitalen Bildbearbeitung. Trotzdem: Jedes Bild ist fertig im Kasten, für sich genommen ein kleines Kunstwerk. Es ist einfach etwas anderes, als auf dem Kameradisplay von einem unterbelichteten Foto zum nächsten überbelichteten Foto zu springen.

Nicht jeder mag meine Meinung teilen: Aber für mich bleibt der Grauverlaufsfilter ein unersetzliches Werkzeug für jeden Landschaftsfotografen. Wer wirklich nur auf der Jagd nach dem perfekten Endergebnis ist, ist vielleicht im HDR-Lager besser aufgehoben. Für mich zählt aber auch das Gefühl bei jeder meiner Fotografien. Auf den vielen Ausstellungen, die ich bereits veranstalten durfte, kam immer wieder die Frage auf: Das sind doch alles HDR-Aufnahmen aus dem Computer. Und jedes Mal konnte ich mit stolz sagen: Nein, das sind noch echte Fotografien, keine im Computer generierten Kunstwerke. Genau das sind HDRIs in meinen Augen. Das heißt nicht, dass HDR-Fotos keine Daseinsberechtigung haben. Aber nur, weil man mit einer Mehrfachbelichtung vielleicht ein noch perfekteres Bild erzeugen kann, bedeutet das eben nicht, dass Techniken wie der Grauverlaufsfilter obsolet sind. Jeder muss für sich entscheiden, welchen Weg er gehen will und was für ihn wirklich wichtig ist.

Der Grauverlaufsfilter bleibt unersetzlich

Aus fotografischer Sicht gibt es keinen Grund, Grauverlaufsfilter zu verteufeln. Klar, Grauverlaufsfilter sind sperrig, schwer, teuer und gehen auch mal kaputt. Das macht die nächste Wanderung nicht einfacher. Das oft in den Raum geworfene Argument, Fotos, die mit Hilfe eines Grauverlaufsfilters entstanden sind, können bei der Qualität nicht mit einem guten HDRI mithalten, lasse ich aber nicht gelten. Hier zeige ich ein paar Fotos, die alle mit einem Grauverlaufsfilter aufgenommen wurden – oder sind es etwa doch HDRIs? Erkennt ihr einen Unterschied?

Flakstad

Blick auf Flakstad auf den Lofoten. Mit einem Grauverlaufsfilter wurde hier der Himmel abgedunkelt

Hintersee

Erst durch das richtige Licht kommt der Hintersee voll zur Geltung. Ein Grauverlaufsfilter sorgte dafür, dass der Himmel nicht überbelichtet wurde. Die Wolken verschwimmen dank der langen Belichtungszeit und des Einsatzes eines Graufilters

Sonnenaufgang Korsika

Der Grauverlaufsfilter leistet ganze Arbeit

Sicher, der Umgang mit dem Grauverlaufsfilter, der alten, angeblich längst überholten Technik, ist mühsamer zu erlernen. Es ist viel einfacher, drei Mal auf den Auslöser zu drücken und drei schlechte Bilder später mittels Software zu einem guten verrechnen zu lassen. Wer sich aber einmal in die Geheimnisse der Fotografie eingearbeitet hat und den Umgang mit dem Grauverlaufsfilter beherrscht, will diesen nicht mehr missen.

Grauverlaufsfilter-Kaufberatung

Wie schon gesagt, es gibt bei der Frage “Grauverlaufsfilter in der Landschaftsfotografie – ja oder nein?” kein richtig oder falsch. Jeder muss für sich entscheiden, was ihm wichtig ist. Diejenigen, die sich pro Grauverlaufsfilter aussprechen, finden hier eine ausführliche Kaufberatung.

Schraub- oder Steckfilter

Man unterscheidet zwischen Schraubfilter und Steckfilter. Der Schraubfilter wird auf das Objektivgewinde geschraubt. Der Steckfilter ist quadratisch oder rechteckig und wird in einen Filterhalter geschoben, der wiederum auf das Objektiv geschraubt wird. ⭐ Noch einmal ein ganz wichtiger Tipp: Grauverlaufsfilter zum Schrauben sind nicht zu empfehlen. Der Verlauf liegt hier in der Mitte – was aber, wenn der Horizont nicht durch die Bildmitte verläuft. In der Landschaftsfotografie verläuft der Horizont nur selten genau in der Bildmitte. Ein Steckfilter kann im Gegensatz zum Schraubfilter je nach Situation so weit eingeschoben werden, wie es nötig ist. Übrigens: Wer sich für Grauverlaufsfilter entscheidet, sollte auch Graufilter und Polfilter zum Einstecken nutzen. Die Größen sind einheitlich und die Filter passen universell in alle Filterhalter der jeweiligen Größe.

Nikon D810 mit Grauverlaufsfilter

Hier kommen ein Graufilter und ein Grauverlaufsfilter zum Einsatz

Manarola

Das Resultat: Durch die lange Belichtungszeit wird das Wasser sehr glatt

Sony Alpha 6000

Die Sony Alpha 6000 ist extrem leicht und handlich. Natürlich lassen sich auf das Sony 15-50mm auch Filter schrauben

Sonnenaufgang Zugspitze

Die kleine Sony Alpha 6000 leistet mit Grauverlaufsfiltern einiges

Der richtige Filterhalter

Verschiedene Filterhersteller haben verschiedene Filterhalter-Systeme im Angebot. Prinzipiell passen die Filter einer bestimmten Größe (hier kommt es immer auf die Breite an) universell in alle Halter der jeweiligen Größe. Ein 100er Filter von Lee passt also in den 100er Filterhalter von Formatt Hitech und umgekehrt. Wie auch bei den Filtern gibt es gute und schlechte Halter-Systeme. Für das 100er-System habe ich sehr gute Erfahrungen mit Lee gemacht. Der Lee-Filterhalter ist nicht billig, aber technisch ausgereift und exzellent verarbeitet. Der Filterhalter wird auf einen Adapterring in der passenden Größe des Objektivs befestigt. Die Adapterringe gibt es in alle Größen von 43 mm bis 105 mm. Welche Größe(n) ihr braucht, hängt von eurem Objektiv und dem Objektivdurchmesser ab. Wer Ultraweitwinkel-Objektive mit einer stark gewölbten Linse verwendet wie das Nikkor 14-24, benötigt eine Spezial-Halterung und größere Filter. Ich habe dazu einen ausführlichen Test verfasst.

Lee Filterhalter

Der Lee-Filterhalter ist eine optimale Lösung für den Einsatz von mehreren Steckfiltern

Very Hard, Hard, Medium oder Soft

Grauverlaufsfilter gibt es in verschiedenen Stärken und Ausführungen. Very Hard, Hard, Medium und Soft beschreibt den Verlauf des Filters in der Mitte. Ein Filter mit einem harten Übergang ist speziell für Landschaften konzipiert, bei denen keine Bäume oder Berge weit in den Himmel ragen. Das können Wüsten oder Küsten sein. Die Soft-Version verfügt über einen sehr weichen Übergang zwischen hell und dunkel. Die Medium-Variante, die einige Hersteller anbieten, sind ein Mittelding. Ich persönlich kann den harten Übergängen nur wenig abgewinnen. Ich habe schon oft mit Filtern mit hartem Verlauf gearbeitet und war mit dem Ergebnis nie wirklich zufrieden. Speziell bei starken Filtern fällt der Übergang sehr stark auf – selbst, wenn der Horizont wie am Meer völlig gerade ist.  Das lässt sich selbst später in der digitalen Nachbearbeitung nur schwer korrigieren. In meiner Filtertasche finden sich daher mit einer Ausnahme (dazu gleich mehr) ausschließlich Grauverlaufsfilter mit einem soften Übergang.

Der Spezialfall – Grauverlaufsfiler mit umgekehrten Verlauf (ND Reverse Grad)

Es gibt noch einen ganz speziellen Grauverlaufsfilter – den Reverse Grad. Der Grauverlauf beginnt hier nicht am oberen Rand des Filters, sondern in der Filtermitte. Nach oben wird der Filter wieder heller. Zum Einsatz kommt ein solcher ND Reverse Grad, wenn die Sonne sehr nah über dem Horizont steht und speziell dieser Teil abgedunkelt werden soll. Aber lohnt sich die Anschaffung eines Grauverlaufsfilters mit umgekehrten Verlauf? Im Prinzip ist der ND Reverse Grad eine sinnvolle Erfindung. Den Kauf kann man sich trotzdem sparen. Warum? Mit einem ganz simplen Trick erzielt man denselben Effekt. Und zwar schiebt man zwei Grauverlaufsfilter gegenläufig in den Filterhalter. So entsteht in der Mitte ein dunkler Bereich, der nach oben hin heller wird. Allerdings benötigt man hier einen Grauverlaufsfilter mit hartem Verlauf, der von oben eingeschoben wird. Der Gegenfilter darf einen weichen Verlauf haben.

Traktor auf Island

Bei diesem Foto kam ein ND Reverse Grad zum Einsatz. Der Kontrast an dem Abend war brutal und mit einem normalen Grauverlaufsfilter nicht zu handhaben

Die richtige Filterstärke

Wie Graufilter auch gibt es Grauverlaufsfilter in verschiedenen Stärken. Der schwächste Filter in der Stärke 0.3 dunkelt den Himmel um eine Blende ab. Filter in den Stärken 0.6 und 0.9 dunkeln um zwei bzw. um drei Blenden ab. Die Belichtungszeit des Himmels bei einem 0.3er Filter verdoppelt sich. Bei einem Filter in der Stärke 0.6 kann der Himmel viermal so lange belichtet werden – beim Filter in der Stärke 0.9 sogar achtmal so lange. Es gibt auch Filter in den Stärken 1.2 (4 Blenden, Belichtungszeit x16) und 1.5 (5 Blenden, Belichtungszeit x32). Die Filter können kombiniert werden. Aus einem Filter in der Stärke 0.6 und einem Filter in der Stärke 0.9 wird rechnerisch ein Filter in der Stärke 1.5 (0.6 + 0.9 = 1.5) mit der 32-fachen Belichtungszeit im dunkelsten Teil des Filters. Nun muss man nicht unbedingt jede Filterstärke in seinem Kamerarucksack dabeihaben. Zumindest aber die Stärken 0.6 und 0.9 gehören zu jeder guten Kameraausrüstung. Als mögliche Ergänzung empfehle ich einen Filter in der Stärke 1.2. Grauverlaufsfilter in der Stärke 0.3 bringen für sich genommen nicht viel – die Abdunklung ist einfach zu schwach. Kombiniert mit einem zweiten  Grauverlaufsfilter macht ein 0.3er-Filter aber durchaus Sinn. Wer einen Graufilter mit hartem Verlauf anschaffen will, um einen ND Reverse Grad zu simulieren, ist mit der Stärke 0.9 gut bedient.

Die richtige Filtergröße

Für die meisten Fotografen mit einer DSLR ist das 100er System (100mm breit) ideal. Die Filter eignen sich für alle gängigen Objektive vom Telezoom bis hin zum Ultraweitwinkelobjektiv. Nur Spezialobjektive wie das Nikkor 14-24 oder das Canon 11-24 verlangen, wie schon oben angesprochen, Speziallösungen und das 150er System (150mm breit). Fotografen mit einer DSLM können in der Regel – natürlich immer abhängig von den verwendeten Objektiven – auf kleine Filter zurückgreifen. Lee hat dafür die Reihe Seven5 Micro mit 75mm auf den Markt gebracht. Formatt Hitech hat neben 100mm und 150mm die Größen 67mm und 85mm im Programm. Das Prinzip ist bei allen Filtergrößen das gleiche.

Konkret: welchen Grauverlaufsfilter kaufen

Einer der ganz großen Namen im Bereich Kamerafilter ist Lee. Die Grauverlaufsfilter der britischenTraditionsmarke bstehen aus Kunststoff, sind aber absolut farbneutral. Diese Eigenschaft lässt sich Lee fürstlich bezahlen. Ein Filterset in der Größe 100mm in den Stärken 0.3, 0.6 und 0.9 schlägt mit rund 300 Euro zu Buche. Für viele Fotografen ist Lee der Mercedes unter den Grauverlaufsfiltern. Wer die Kosten nicht scheut, dem empfehle ich die Filter von Lee. Inzwischen sind die Filter sogar leicht in Deutschland zu bekommen – das war früher nur sehr eingeschränkt der Fall.

Preisbewusste Hobbyfotografen, die kein Vermögen für Filter ausgeben wollen, fahren mit Kunststofffiltern der britisches Filterherstellers Formatt Hitech nicht schlecht. Das Dreier-Set bestehend aus den Filterstärken 0.3, 0.6 und 0.9 kommt auf rund 100 Euro und ist ein guter Kompromiss zwischen Qualität und Preis. Mit den Hitech-Filtern lassen sich durchaus überzeugende Resultate erzielen. Das große Manko liegt im Farbstich, den man unweigerlich erhält, sobald man mehr als drei Blenden abdunkelt. Heißt: Bis zur Stärke 0.9 liefern die Hitech-Filter recht gute Ergebnisse. Verwendet man aber einen Grauverlaufsfilter in der Stärke 1.2 oder kombiniert zwei schwächere Filter zu dieer Stärke oder darüber (das gilt auch für Graufilter aus Kunststoff), bekommt das Foto einen Magentastich, den man auch in der Nachbearbeitung nur schwer entfernen kann.

Ebenfalls aus dem Hause Formatt Hitech kommen mit der Firecrest-Serie Grauverlaufsfilter aus Glas. Diese sind deutlich teurer, haben aber nicht das Problem mit dem Farbstich. Ein Dreierset in den Stärken 0.3, 0.6 und 0.9 kommt auf rund 300 Euro. Im Vergleich zu Kunststofffiltern sind Glasfilter natürlich schwerer und bruchempfindlich. Zudem neigen Glasfilter eher zu unschönen Reflektionen auf dem Foto bei Gegenlicht. Neben ihrer Farbtreue haben Glasffilter aber andere Vorteile: Zum einen sind sie sehr widerstandsfähig gegen Kratzer, zum anderen ziehen sie auch Staub nicht so an wie Kunststofffilter.

Natürlich gibt es noch andere Hersteller von Grauverlaufsfiltern. Bekannte Marken sind hier unter anderem Haida, Nisi und Singh-Ray – ebenfalls sehr zu empfehlen. Im Internet tummeln sich aber auch zahlrreiche No-Name-Marken. Lasst davon die Finger weg – das ist rausgewofenes Geld.

Graufilter

Neben einem Grauverlaufsfilter-Set gehören natürlich Graufilter in die Kameratasche. Der Effekt: Mit einem Graufilter lässt sich die Belichtungszeit verlängern. Im Gegensatz zu Grauverlaufsfiltern sind Graufilter durchgängig abgedunkelt. Ein Graufilter in der Stärke 0.3 (eine Blendenstufe) verdoppelt die Belichtungszeit – aus einer Sekunde werden zwei Sekunden. Ein Graufilter in der Stärke 0.6 vervierfacht die Zeit. Aus einer Sekunde werden also vier Sekunden. Graufilter lassen sich theoretisch auch kombinieren. Hierzu addiert man die Stärken. Ein Graufilter in der Stäke 0.3 (eine Blendenstufe) kombiniert mit einem Graufilter in der Stärke 0.6 (zwei Blendenstufen) ergibt rechnerisch eine Stärke von 0.9 (drei Blendenstufen). Die Belichtungszeit verachtfacht sich von einer Sekunde auf acht Sekunden. In der Praxis sollte man allerdings davon absehen, Graufilter zu kombinieren. Zum einen vermindert jeder Filter die Bildqualität. Bei langen Belichtungszeiten kann es zudem zu unschönen Reflexionen auf dem Foto kommen, wenn zwei Graufilter in Reihe geschaltet werden. Dieses Problem betrifft aber nur das Stecksystem. Das Problem: Zwischen den Graufiltern besteht eine kleine Lücke und das einfallende Licht sorgt für die unschönen Reflexionen. Darum macht es Sinn, mindestens drei Graufilter in verschiedenen Stärken in der Kameratasche mitzuführen.

Belichtungszeiten Graufilter

Anhand dieser Tabelle kann man die Belichtungszeiten beim Einsatz eines Graufilters bestimmen

Ich empfehle einen schwachen Graufilter, um etwa zur Goldenen Stunde oder zur Dämmerung am Meer in Kombination mit einem Grauverlaufsfilter längere Belichtungszeiten zu ermöglichen. Wasser macht sich besonders gut, wenn noch etwas Dynamik zu erkennen ist. Je nach Fließgeschwindigkeit des Wasser kann eine Viertelsekunde schon ausreichen, um einen tollen Effekt zu zaubern. Aber auch Belichtungszeiten von einer oder zwei Sekunden können nötig sein, um das gewünschte Resultat zu erzielen.

Langzeitbelichtung auf Madeira

Speziell wenn Wasser im Spiel ist sind Filter unabdingbar

Ein mittelstarker Graufilter in der Stärke 1.5 (5 Blendenstufen, Belichtungszeit x32) macht Sinn – etwa um zur Dämmerung Wasser wie Watte zu zeichnen oder Dynamik in einen Wolkenhimmel zu zaubern. Wem das nicht reicht, der greift zum Graufilter in der Stärke 3.0 (10 Blendenstufen, Belichtungszeit x1000), der um zehn Blenden abdunkelt und die Belichtungszeit vertausendfacht. Zum Einsatz kommt ein solcher Filter etwa, um bevölkerte Plätze durch die lange Belichtungszeit fast menschenleer erscheinen zu lassen. Natürlich gibt es Graufilter in allen Abstufungen und selbst noch dunklere Filter als in der Stärke 3.0 sind am Markt zu haben. Hier entscheidet letztendlich der persönliche Geschmack, was Sinn macht und was nicht. Keinen Sinn macht es, sich alle Stärken zuzulegen. Sehr gute Graufilter bietet auch wieder Lee an. Gleichwertige Alternativen kommen etwa von Formatt Hitech (Firecrest-Serie), Haida und NiSi.

Unstad Beach

Unstad Beach auf den Lofoten. Bei diesem Foto kam ein Grauverlaufsfilter in Kombination mit einem Graufilter zum Einsatz. Ohne Filter wäre diese Aufnahme so nicht möglich gewesen. Die Belichtungszeit: 235 Sekunden

Polfiler

Zu analogen Zeiten kam der Polfiter zum Einsatz, um etwa den Himmel in einem satteren blau erscheinen zu lassen. Das ist im digitalen Zeitalter natürlich überholt, da solche Anpassungen bei der Postproduktion vorgenommen werden können. Um Spiegelungen aus dem Foto zu entfernen, ist der Polfilter aber nach wie vor unerlässlich. Gewässer geben den Blick auf den Grund frei, nasse Blätter spiegeln nicht mehr und leuchten satt grün. Das funktioniert natürlich auch bei Glasscheiben. Auf metallischen Oberflächen versagt der Polfilter indes seinen Dienst. Gute Erfahrungen habe ich mit dem Polfiltern von NiSi gemacht.

Landschafsfotografie mit Filtern

Bei diesem Bild kamen ein Graufilter, ein Polfiter und ein Grauverlaufsfilter zum Einsatz

Zusammenfassung

Grauverlaufsfilter bleiben in der Landschaftsfotografie – wobei die Betonung hier wirklich auf Fotografie liegt – ein Muss. So mancher HDR-Fotograf mag jetzt lächeln – aber spätestens wenn wieder jemand fragt, ob das denn alles wirklich fotografiert ist und ihr mit stolz „ja“ sagen könnt, ist euer Moment gekommen. Polfilter und Graufilter sind ohnehin nicht zu ersetzen – diese Effekte kann kein Bildbearbeitungsprogramm nachahmen. Und jetzt noch der große Überblick über die Filter, die ich persönlich nach vielen Jahren Erfahrung empfehle. Empfehlenswerte Filter-Marken: Formatt Hitech Firecrest-Serie, Haida, Lee, Singh-Ray, NiSi

Für das gängige 100er-System empfehle ich

  • Lee-Filterhalterung
  • Lee-Adapterringe

Grauverlaufsfilter

  • 0.6 soft
  • 0.9 soft
  • 0.9 hard
  • 1.2 soft

Graufilter

  • 0.9
  • 1.5
  • 3.0

Polfilter

Das könnte dich auch interessieren

 

 

Deine Meinung ist uns wichtig

Verwendest du Grauverlaufsfilter oder nutzt du die Möglichkeiten, die die HDR-Technologie bietet? Welche Methode bevorzugst du? Hinterlass doch einen kurzen Kommentar – wir freuen uns 🙂

Newsletter abonnieren & gewinnen

Begleite uns auf unseren Abenteuern rund um die Welt

Du willst nie mehr die spannendsten Reportagen und die besten Tipps rund ums Thema Fotografie verpassen? Dann melde dich zu unserem Newsletter an und hab jeden Monat die Chance, unser eBook “101 Fotografien und die Geschichte dahinter” oder einen 50-Euro-Gutschein für unsere Fotokurse zu gewinnen.

3 replies
  1. Jochen
    Jochen says:

    Ich denke, dass die Wahrheit wie so oft irgendwo in der Mitte liegt.
    Ich habe keine Probleme, bei schwierigen Lichtverhältnissen eine Belichtungsreihe zu machen. Schließlich nutzt der ambitionierte Fotograf seine Technik um möglichst optimale Ergebnisse zu erzielen. Ohne einen Rechner geht es heute nicht mehr, warum sollte ich plötzlich vor der HDR-Berechnung zurückschrecken?
    Philosophisch betrachtet würde deine Ablehnung dieser Technik Sinn machen, wenn du einen vollen analogen Workflow hast. Den hast du aber nicht, sondern “schreckst” vor einer bestimmten Art der Bildbearbeitung zurück. Ob das jetzt Sinn macht, sollte aber jeder für sich selbst entscheiden und da gibt es kein ganz richtig oder ganz falsch.

    Ich nutze beide Techniken bei meinen Landschaftsaufnahmen, oftmals auch in einer Aufnahme. Wenn es am frühen Morgen lange vor Sonnenaufgang die Belichtungssituation erfordert, stecke ich meine Filter drauf und mache auch teilweise schon Belichtungsreihen mit dem Filter. Spätestens wenn dann die Sonne zu sehen ist, kommt der Filter aber wieder runter. Denn nachdem ich mir schon einige Sonnenaufgänge “zerschossen” habe, mache soviel Störfaktoren wie möglich weg, die zwischen Sonne und Sensor liegen. Damit fahre ich relativ gut.

    Belichtungsreihen haben zumindest dann keinen Sinn, wenn der Wind habe gelegene Flora in Bewegung bringt. Und sie haben noch einen gewaltigen Vorteil:
    mache einmal bei dunklen Bedingungen eine gute Belichtungsreihe und mache einen OneShot. Dann schau dir das Rauschen in den dunklen Bereichen an …. bei der Belichtungsreihe wirst du dann bekehrt sein – zumindest bei einem guten HDR-Programm!

    Es grüßt
    Jochen

    Reply
    • Florian Westermann
      Florian Westermann says:

      Hi Jochen,

      genau, beides hat seine Daseinsberechtigung und klar kann man auch beide Techniken anwenden, warum nicht. Filter und HDR haben beide Vor- und Nachteile, wie du ja auch schreibst. Man muss einfach das für sich richtige finden. Wichtig ist am Ende, dass der Spaß nicht zu kurz kommt.

      Viele Grüße
      Florian

      Reply
  2. Flo
    Flo says:

    Moin Moin,

    ich habe mich gleich nach der ersten Nutzung meines ND Filters in diesen verliebt.
    Es ist wirklich toll, welche Gestaltungsmöglichkeiten und Effekte sich einem dadurch eröffnen.

    Gruß
    Flo

    Reply

Leave a Reply

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *